Von der Chemie zwischen Anwalt und Mandant

Ist das der richtige Anwalt für mich?

In meiner Kanzlei führe ich mit Menschen, die mir ein Mandat erteilen möchten, ein kostenloses telefonisches Erstgespräch. Dies ist nicht zu verwechseln mit einer rechtlichen Beratung. Vielmehr geht es darum, im Vorfeld abzuklären, ob ich der richtige Anwalt für den oder die Interessenten bin.

Im Normalfall lässt sich das sehr schnell herausfinden. Gemeinsam mit dem Anrufer prüfe ich, ob sein Rechtsproblem in die von mir bearbeiteten Referate Versicherungsrecht oder Bankrecht fallen. Wenn nicht, kann ich ihm meistens einen kompetenten Kollegen oder eine Kollegin empfehlen. Außerdem werden in einem solchen Gespräch die weiteren Rahmenbedingungen wie der zeitliche Ablauf, Gesprächstermine, notwendige Unterlagen, Vergütung etc. abgeklärt.

Ist das der richtige Mandant für mich?

Ein nicht zu unterschätzender Faktor eines solchen Erstgesprächs ist allerdings auch die Frage, ob die Chemie zwischen künftigem Mandant und Anwalt stimmt. Unter Juristen gibt es die Redensart, dass sich (oft unbewusst) jeder Mandant den passenden Anwalt aussucht. Das lässt sich in 95 % der Fälle natürlich nicht anhand eines kurzen Telefonates klären. Wenn ein Anrufer aber beispielsweise schon ausdrücklich einen scharfen Hund oder einen Wadlbeißer sucht, oder wenn er kein Verständnis dafür hat, dass ich ihm meine Handynummer nicht geben möchte, muss ich ihm offen mitteilen, dass er bei mir an der falschen Stelle ist. Hierbei geht es nicht darum, ob hier künftig eine enge Freundschaft entsteht, sondern ob die Aussicht auf eine vernünftige Zusammenarbeit besteht. Das kläre ich lieber vor Beginn des Auftrags. Jeder Mandant soll auch den Anwalt finden dürfen, der ihm seine Wünsche erfüllt. Und wenn das ein anderer besser kann als ich, habe ich damit kein Problem.

Hin und wieder merke ich allerdings, wie mir von Satz zu Satz der Kamm schwillt und ich am liebsten durchs Telefon brüllen und dem Anrufer erklären würde, warum seine Vorstellungen völlig unsinnig sind und keinen Rückhalt in der tatsächlichen Rechtslage finden. Wenn es mir die Höflichkeit nicht verböte, würde ich danach gerne einfach auflegen und weiter arbeiten. Ein Muster dafür gibt es nicht, auffällig oft kommen solche Emotionen allerdings bei Formulierungen wie „Herr Anwalt, es geht mir nicht ums Recht, sondern ums Prinzip“,  „es geht mir ja nicht um mich sondern um die vielen vielen anderen da draußen, denen es genauso geht“,  „das ist doch eine wahnsinnige Ungerechtigkeit, die von der Politik endlich einmal bearbeitet werden müsste“, „ich war mit diesem Problem auch schon beim Landrat und bei der Bild Zeitung, die konnten mir aber auch nicht helfen“…

Die Menschen sind dann meistens völlig verwirrt, wenn ich Ihnen mitteile, dass ich ihr Mandat nicht annehmen möchte, weil ich davon ausgehe, dass wir miteinander nicht glücklich werden. Chemie ist schließlich keine Einbahnstraße.

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