Soll ich die Anleihe der Wiener Feinbäckerei Heberer zu 5% Festzins kaufen?

Oder: wie der Bäcker für meine künftigen Mandate sorgen könnte

Als ich dieser Tage eine Brezel in Frankfurt gekauft habe, war meiner Brötchentüte dieser Flyer beigefügt. Die Bäckerei wirbt für eine Unternehmensanleihe, die jährlich mit 5 % verzinst wird.Bild vom Werbeflyer der Unternehmensanleihe Wiener Feinbäckerei

5 %?! Da frage ich mich, ob hier möglicherweise bereits mein Mandatsaufkommen der nächsten Jahre gesichert wird. Anhand dieses Angebots möchte ich exemplarisch darstellen, wie riskant sicher erscheinende Wertpaierangebote sein können.

Zunächst vorweg: Das Unternehmen hatte bereits im Jahr 2011 eine ähnliche Anleihe, damals mit 7 % jährlicher Verzinsung, aufgelegt. Diese hat sie trotz aller Kritik bis heute bedient. Möglicherweise handelt es sich bei der Wiener Feinbäckerei also um ein grundsolides Unternehmen, das hier lediglich eine alternative Form der Finanzierung für sich gefunden hat. Die nachfolgenden Ausführungen können also beispielhaft für viele andere Unternehmen stehen und bewerten nicht die Qualität dieses Unternehmens.

Was ist eine festverzinsliche Anleihe?

Festverzinslich meint laut Duden „über einen langen Zeitraum einen gleichbleibenden Zins abwerfend“. Wenn Sie ein festverzinsliches Wertpapier in Ihrem Depot haben, bekommen Sie also jedes Jahr einen vorher fest vereinbarten Zinsbetrag. Somit ist also auch ein Kredit ein festverzinsliches Geschäft, bei dem Der Darlehnsgeber einen vorher fest vereinbarten Zinsbetrag vom Darlehnsnehmer erhält. Festverzinslich ist aber nicht das Gleiche wie „mit fester Laufzeit“. Dazu später mehr.

Anleihen verbriefen einen Rückzahlungsanspruch und Zinszahlungen in bestimmter Höhe als Entgelt für die Überlassung des Kapitals. Anleihe hört sich also nach einem seriösen, festverzinslichen Wertpapier an. Schließlich gibt es auch Staatsanleihen und ähnliche festverzinsliche Wertpapiere. Ganz so einfach ist es aber nicht. Sie unterscheiden sich durch abweichende Konditionen wie unterschiedliche Laufzeiten, den Währungen, in denen sie erworben und zurückgezahlt werden sowie der Art der vom Schuldner zu erbringenden Verzinsung. Wer mehr über Anleihen im Allgemeinen wissen möchte, wird hier fündig.

Deshalb habe ich mir die Mühe gemacht, mir die Anleihebedingungen (160 Seiten) der Wiener Feinbäckerei Heberer einmal durchzulesen. Das empfehle ich übrigens jedem Interessenten – auch wenn es mühsam ist. Denn dort sind die Risiken der jeweiligen Anleihe mehr oder weniger deutlich benannt. Einige der Risiken stelle ich Ihnen nachfolgend vor:

Einige Risiken der Anleihe der Wiener Feinbäckerei (beispielhaft)

Erster Risikofaktor: Sie investieren in ein Unternehmen

Tatsächlich würde ein Investment in diese Anleihe dazu führen, dass Sie einer Großbäckerei Geld leihen. Natürlich steht nicht „Darlehen“ über der Anlage, sondern Inhaberschuldverschreibung. Letztendlich ist es aber nichts anderes, als dass das Unternehmen bei Ihnen einen Kredit aufnimmt, den es jährlich mit 5 % verzinsen möchte. Sie werden also nicht Mitunternehmer, sondern Gläubiger des Unternehmens. Dies bedeutet aber, dass Sie sämtliche unternehmerische Risiken, die eine Großbäckerei zu tragen hat, mittragen werden. Bereits das Inhaltsverzeichnis der Wertpapierbedingungen schildert auf den ersten 30 Seiten sämtliche Risiken, die bei einem Investment in eine Bäckerei existieren. Um solche Risiken zu kennen, müssen sie nicht einmal in die Anleihebedingungen schauen, Sie können sie sich beim morgendlichen Gang in Ihre Stammbäckerei selbst vorstellen. Was passiert beispielsweise,

  • wenn an der nächsten Ecke ein anderer, besserer Bäcker aufmacht?
  • wenn die Brötchenpreise sinken sollten?
  • wenn die Discounter und Supermärkte noch mehr Backwaren vertreiben als bisher?
  • wenn das Gesundheitsamt die Produktion der Großbäckerei wegen hygienischer Mängel schließt? (Soll ja andernorts schon mal vorgekommen sein)
  • wenn ein Streik der Angestellten bevorsteht etc.

Jedes einzelne dieser Risiken kann dazu führen, dass die Bäckerei nicht mehr in der Lage ist, die Zinsen der Anleihe zu bedienen oder im schlimmsten Fall das Kapital im Fälligkeitszeitpunkt zurückzuzahlen.

Zweiter Risikofaktor: Jederzeitige einseitige Kündigungsmöglichkeit und Wiederanlagerisiko

Wenn Sie sich die Anleihebedingungen durchlesen, so schließen Sie zwar einen Vertrag bis ins Jahr 2020. Diese Laufzeit ist allerdings alleine für Sie als Anleger bindend. Das bedeutet: Sie kommen vorab nicht aus dem Vertrag heraus. Umgekehrt hat das Unternehmen hingegen eine jederzeitige Kündigungsmöglichkeit. Sollte die Bäckerei in einem halben Jahr eine bessere Finanzierungsmöglichkeit finden (beispielsweise ein Bankkredit zu einem niedrigeren Zinssatz) kann sie den Vertrag kündigen und Ihnen ihr Geld zurückzahlen. Sie schließen also keinesfalls eine Festgeldanlage mit bestimmter Laufzeit.

Dritter Risikofaktor: fehlende Besicherung

Wie eigentlich aus diversen Skandälchen mit Mittelstandsanleihen der letzten Jahre bekannt sein sollte, genießen solche Anleihen keinerlei Sicherung. Während ein Darlehen üblicherweise durch die Hinterlegung einer Sicherheit für den Fall abgesichert wird, dass  der Schuldner die Darlehenssumme nicht zurück bezahlen kann, ist eine solche Inhaberschuldverschreibung nicht besichert. Dieses Risiko wird selbstverständlich durch den hohen Zinssatz ein wenig abgemildert. Wenn die Anleihe also fünf Jahre lang ordentlich bedient, aber am Ende nicht zurückbezahlt werden sollte, so sindrechnerisch jedenfalls nur 75 % des eingesetzten Kapitals verloren. Dennoch verdeutlicht bereits dieser Risikofaktor für asich genommen, dass es sich nicht um eine sichere Festgeldanlage handelt.

Vierter Risikofaktor: Insolvenzrisiko

Falls die Firma während der Laufzeit insolvent werden sollte, haben die Inhaber der Anleihe das Nachsehen hinter allen anderen Gläubigern. Die Inhaberschuldverschreibung ist nämlich nachrangig. Das bedeutet, dass im Falle der Insolvenz erst alle anderen Gläubiger bedient werden und nur, wenn dann noch etwas von der Insolvenzmasse übrig ist (unwahrscheinlich) die Inhaber der Anleihe entschädigt werden.

Fünfter Risikofaktor: Verwendung des eingeworbenen Kapitals

Als Zeichner der Anleihe haben sie keinerlei Einfluss darauf, was die Gesellschaft mit Ihrem Kapital unternimmt. Vereinfacht ausgedrückt kann das Unternehmen Maschinen kaufen, die Löhne erhöhen oder in eine großartige Werbekampagne investieren. Sie haben keinen Einfluss darauf! Liest man sich die Anleihebedingungen durch, so wird schnell klar, wofür das Geld benötigt wird: mit den jetzt eingeworbenen Anleihen sollen die Anleihen der Jahre 2011, die noch mit 7 % verzinst waren, zurückgeführt werden. Ich möchte an dieser Stelle nicht das Wort Schneeballsystem verwenden (obwohl dies der Insolvenzverwalter der Firma PROCON beispielsweise zu einer ähnlichen Finanzierung so getan hatte). Allerdings wird klar, dass hier nicht Geld eingesammelt wird, um Investitionen zu tätigen, die der Geschäftsentwicklung dienen. Vielmehr geht es darum, alte Schulden zu tilgen.

Sechster Risikofaktor: die Gesellschafterstruktur

Das Handelsregister listet mindestens drei Gesellschaften mit ähnlicher Namensgebung auf. Offenbar besteht hier eine Holding Struktur. Es kann durchaus sinnvoll sein, den Betrieb der Filialen und den Betrieb der Produktion sowie die Inhaberin der Marke zu trennen. Aufmerksam gelesen habe ich allerdings, dass es bis vor kurzem einen Gewinnabführungsvertrag zwischen einigen Gesellschaften gegeben hat. Bösartig ausgedrückt besteht also das Risiko, dass die Gesellschaft, die die Anleihe herausgibt, nur deshalb insolvent wird, weil sie ihre Gewinne in eine andere Gesellschaft abgibt. Selbstverständlich ist dies nur ein theoretisches Risiko, da keine ehrliche Herausgeberin einer Anleihe so etwas tun würde.

Siebter Risikofaktor: der finanzielle Zustand der Gesellschaft

Man muss sich natürlich fragen, weshalb in einer Zeit, in der Banken Kredite zu einem Zinssatz zwischen 1% und 1,5 % vergeben, die Herausgeberin der Anleihe sich Kapital für 5 % besorgen möchte. Können die nicht rechnen? Bei aufmerksamer Lektüre der Anleihebedingungen sieht es so aus, als sei das Verhältnis zu den Banken gelinde ausgedrückt nicht gerade entspannt. Beispielsweise werden alle Konten der Gesellschaft auf Guthabenbasis geführt. Hier kann natürlich ein schwäbisch-pietistischer Ansatz der Hintergrund sein, wonach man einfach keine Schulden macht (es sei denn für ein Häusle). Möglicherweise könnte es aber auch so sein, dass die Banken der Gesellschaft keinen Kontokorrentkredit einräumen.

Im Wertpapierprospekt sind einige wenige Finanzkennzahlen genannt. Die Bäckerei ist aber in der Rechtsform einer GmbH aufgestellt. Dies bedeutet, dass sie ihren Jahresabschluss nur eingeschränkt veröffentlichen muss. Aus den veröffentlichten Zahlen lässt sich ein deutlicher Umsatzrückgang in den letzten Jahren entnehmen. Ist aber alles paletti, sagt der Bäcker hier.

Also Finger weg von der Unternehmensanleie der Heberer Wiener Feinbäckerei 2016?

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: ich möchte weder die herausgebende Gesellschaft noch die konkrete Anleihe in ein schlechtes Licht rücken. Ich möchte nur nicht, dass Sie in einigen Jahren in meiner Kanzlei sitzen und mir erzählen, dass Sie der Meinung waren, in ein sicheres, festverzinsliches Wertpapier zu investieren.

Wer sich mit den vorgenannten Risiken (und den weiteren im Prospekt genannten Risiken) beschäftigt und bereit ist, diese einzugehen, der soll das Wertpapier kaufen. Mir scheint das Ganze nur  nicht gerade ein Ausbund an Transparenz zu sein. Schon die Tatsache, dass man das Ding nicht über die eigene Bank, sondern nur am Telefon erwerben kann, wirkt auf mich nicht gerade seriös. Erstaunlich ist auch, dass die Gesellschaft, die ihren Sitz in der Nähe von Frankfurt am Main, einer Stadt mit über 200 Banken, hat, die Anleihe über eine kaum bekannte Bank aus Bremen emittiert. Für alles mag es gute Gründe geben. Sie erschließen sich nur nicht auf den ersten Blick.

Mein Fazit: Wenn Sie Risikokapital oder Spielgeld anlegen möchten, dann gerne. Wenn Sie eine sichere festverzinsliche Anlage suchen, dann sollten Sie sich vielleicht nach Alternativen umsehen.

 

 

Kommentar verfassen