Liebe Ing DiBa: Man kann nicht nicht kommunizieren! (Paul Watzlawick)

Haben Sie ein Kind zu Hause, das manchmal trotzig ist? Das sich die Ohren demonstrativ zuhält, Ihnen die Zunge rausstreckt und vielleicht noch ein muffeliges „Nein, mit Dir spreche ich nicht, Ätsch“ oder „Ich sag nix“ entgegenschleudert? So ungefähr kam mir kürzlich in einem Mandat die Abteilung Immobilienfinanzierung der orangen Bank vor.

Ein Hauptteil meiner Tätigkeit als Fachanwalt für Bankrecht liegt derzeit in der Prüfung von Widerrufsbelehrungen in Darlehnsverträgen. Wie auch andere Banken hat die Ing DiBa im Fall meines Mandanten eine vom Mustertext des Gesetzgebers leicht abweichende Belehrung verwendet. Dies führt im Ergebnis dazu, dass eine ordnungsgemäße Belehrung noch nicht stattgefunden hat und dem Mandant immer noch ein Widerrufsrecht zusteht.

Da mein Mandant kein auf Krawall gebürsteter Mensch ist, bat er mich, unsere Rechtsauffassung der Bank gegenüber darzulegen und nach einem Kompromiss zu suchen, bevor er von seinem Widerrufsrecht Gebrauch macht. Ich erklärte also in einem individuellen Schreiben ausführlich, dass und weshalb die verwendete Widerrufsbelehrung nicht mit der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs und schon gar nicht mit dem Gesetzestext übereinstimmt.

Daraufhin schickte mir die Bank einen dreiseitigen Textbaustein zurück, der sich bis auf eine Jahreszahl nicht erkennbar mit dem Fall des Mandanten befasste. Schon gar nicht mit den von mir vorgetragenen tatsächlichen Umständen oder rechtlichen Argumenten. Die Bank lehnt die Ansprüche des Mandanten ab. Kann man ja mal versuchen.

Brief der Ing DiBa
Der dreiseitige Textbaustein zur angeblich ordnungsgemäßen Widerrufsbelehrung

Da mein Mandant nicht auf Krawall gebürstet ist (siehe oben) und ich gerne mit Menschen rede, rief ich eben einfach mal die Bank an und erkundigte mich nach den beiden Herren, die das Schreiben unterzeichnet hatten. Vielleicht – so mein Gedanke – kann man sich über die unterschiedlichen Rechtsansichten austauschen, die eindeutigen Tatsachen besprechen und am Ende einen Kompromiss finden, mit dem alle leben können.

Der nette Sachbearbeiter am Telefon fragte erst vorschriftsmäßig nach Daten, die nur ich oder der Mandant kennen können. Als er davon überzeugt war, dass ich tatsächlich der Mensch bin, dessen Vollmacht vorliegt, teilte er mir lapidar mit

die beiden Herren sind telefonisch grundsätzlich nicht erreichbar. Auch sonst gibt es hier niemanden, mit dem Sie inhaltlich über die Sache reden können. Wir äußern uns nur schriftlich.“

Ich hätte jetzt eine Brieffreundschaft mit der Bank beginnen können. Mein Mandant hätte aber auch den Widerruf erklären und gegen die Bank klagen können, wenn sie das Widerrufsrecht nicht anerkannt hätte. Das hätte ihm und der Bank erst mal Kosten verursacht und es bindet auf beiden Seiten Kapazitäten.

Man kann ja in einem Konflikt durchaus unterschiedliche Interessen haben. Diese sollte man sich dann aber auch zu artikulieren trauen. Liebe Ing DiBa, mein Mandant ist Dein Kunde! In so einer Kundenbeziehung wären Gesprächskultur, die Suche nach wirtschaftlich sinnvollen Lösungen und ein Verhalten, das den Kunden begeistert, vorstellbar.  Sogar am Telefon!  So aber musste ich dem Mandanten mitteilen, dass sich der Laden, auf den er im wahrsten Sinne des Wortes gebaut hatte, wie ein kleines trotziges Kind benimmt, das sich die Ohren zuhält. Passt ja auch irgendwie zum Quietscheorange Eurer Marke.

Nur am Rande sei erwähnt, dass die Bank ausweislich ihres Geschäftsberichts für das Jahr 2013 (S. 222) Kosten für Rechtsstreitigkeiten und Rechtsberatung in Höhe von € 21 Mio. aufgewendet hat.

Zur Ehrenrettung der Bank muss ich aber mitteilen, dass wir daraufhin zähneknirschend schriftliche Verhandlungen geführt und die Sache zu einem für alle Beteiligten tragbaren Kompromiss gebracht haben.

 

6 Gedanken zu „Liebe Ing DiBa: Man kann nicht nicht kommunizieren! (Paul Watzlawick)

  1. Ja schon sehr schrecklich, dass die Bank kompromissbereit ist und schriftlich zu einer Lösung kommt. Mir kommen die Tränen.

    1. Hm. Habe ich den Kern meines Anliegens so missverständlich formuliert? Es geht mir doch nicht um den Kompromiss, sondern um die Art und Weise, sich einem Telefonat zu entziehen.

  2. Mit inhaltsleeren Wortbausteinen argumentieren die lieben Banken sehr gerne. Ich kann es nicht nachvollziehen, wo der überall propagierte Sinneswandel der Kreditinstitute seinen Anfang gefunden hat. Weiterhin wird das Recht zu deren Gunsten gebeugt und der „heilige“ Kunde mit seinen Anliegen ignoriert.
    Ich glaube es gehört einfach zu der Kultur der Institute dazu, berechtigte Anliegen über die rechtliche Schiene zu klären bis dem Kunden das Geld für die Prozessführung ausgeht.
    Ich freue mich für Ihren Mandant, dass er einen kompetenten Vertreter seiner Rechte beauftragt hat!

    1. Der Ruf nach der Politik in diesen Fällen verhallt ungehört, weil unsere „Volksvertreter“ ständige Erfüllungsgehilfen der Bankenlobby und deren Umfeld sind. Diejenigen, welche zum Wohle des Bankkunden Rechtssicherheit schaffen könnten, haben sich schon lange von der Basis verabschiedet. Urteile, wie kürzlich das des BGH in puncto Bearbeitungsgebühren, dürften daher zu den absoluten Novums in verbraucherfreundlichen Urteilen gegen gebührenschinderische Banken gehören.

  3. Hallo, wir starten gerade die Widerrufsaktion gegen die orange Bank. Darf ich fragen, wie lange die Prozedur bis zum Kompromiss gedauert hat? DANKE

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