Mietmaul oder Selbstdarsteller?

Wieviel Authentizität dürfen Sie von einem Rechtsanwalt erwarten?

Papagei. Bild von Todd Ryborn
Papagei. Bild von Todd Ryborn

Schwieriger Untertitel? Er stammt nicht wirklich von mir, sondern ist Teil einer Blogparade.

Meine Auftraggeberinnen und Auftraggeber bezahlen mich für meine Dienstleistung. Dafür dürfen sie von mir professionelle Arbeit und ein seriöses Auftreten nach außen erwarten. Mein Honorar gäbe ihnen aber nicht das Recht, über mich zu bestimmen. Und wenn sie mir noch so viel zahlten, ich will mich nicht verbiegen (lassen), sondern authentisch bleiben. Der nachfolgende Beitrag beleuchtet drei mir wichtige Aspekte der Authentizität und ist Teil der Blogparade „Authentizität und Erwartungen in der Dienstleistung – ein Balanceakt?“ von Ina Machold.

Was bedeutet Authentizität?

Die meisten Menschen verbinden mit Authentizität Begriffe wie wahrhaftig sein, Gefühle zeigen, sich so zeigen, wie man ist, ehrlich sein, echt sein, stimmig sein, usw. Dem kann ich mich anschließen. Weitere unterschiedliche Definitionsansätze finden sich im wikipedia-Artikel Authentizität. In meinem Berufsalltag zeigt sich Authentizität an mehreren Stellen. Ich habe drei Beispiele herausgegriffen:

1. Ich erbringe vollen persönlichen Einsatz für den konkreten Fall

Als Rechtsanwalt bin ich Interessenvertreter. Meine Auftraggeber möchten also, dass ich für ihre Sicht der Dinge Partei ergreife. Das bedeutet nicht, dass ich parteiisch bin. Ich ergreife nämlich streng genommen nicht für meine Mandanten (als Person oder als Unternehmen) Partei, sondern versuche, ihre Ziele in einem konkreten Fall möglichst rechtssicher zu erreichen. Und dabei dürfen Sie meinen vollen Einsatz von mir erwarten. Mein Fachwissen, mein Bauchgefühl, meine Kreativität, meine Berufserfahrung, meine Lebenserfahrung… alles das ist Teil meiner authentischen Dienstleistung. Dass und weshalb ich dabei nur Aufträge in meinen Spezialgebieten annehme, hatte ich kürzlich in diesem Beitrag erläutert. Auch das ist ein Teil meiner Authentizität.

2. Ich mache mich dennoch nicht mit meinen Mandanten gemein

Von dem verstorbenen Journalisten Hans Joachim Friedrichs stammt der Satz :

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache (…).“

Übertragen auf Fälle, die ich für meine Mandantschaft vertrete, bedeutet das: Ich will eine gewisse Distanz behalten. Sowohl gegenüber der Person des Mandanten als auch gegenüber der Sache, um die es geht. Natürlich wärmt es das Herz eher, für die arme Seniorin um Leistungen aus einer Versicherung zu streiten, als sich in einem anderen Fall über die abstrakte Berechnung eines Zinssatzes auseinanderzusetzen. Aber ich kann beides, weil es jeweils im konkreten Fall darum geht, die berechtigten Interessen des jeweiligen Mandanten durchzusetzen.

Und es ist eine Wunschvorstellung, dass die eigenen Mandanten immer „die Guten“ sind und dass diejenigen, die vordergründig „die Guten“ sind, es auch immer bei näherer Betrachtung sind.  Ich unterstelle meinen Auftraggebern jeden Tag aufs Neue, dass sie mir gegenüber die Tatsachen zutreffend schildern. Und das trifft auch auf 99% meiner Mandantschaft zu. Leider musste ich im Laufe meiner Tätigkeit auch erfahren, dass nicht alle Mandantinnen und Mandanten ehrlich sind. Um so wichtiger ist es, sich nicht mit den Angaben gemein zu machen, um selbst authentisch zu bleiben.

Ein gewisses Maß an Empathie ist notwendig und hilfreich, um einen Fall erfolgreich vertreten zu können. Genauso notwendig ist die professionelle Distanz. Es darf nicht „mein Fall“ werden.

Deshalb vertrete ich mich in eigenen Angelegenheiten auch nicht selbst, weil mir in diesen Fällen genau diese professionelle Distanz fehlt.

3. Ich trete authentisch nach außen auf

Mein Beruf hat viel mit Kommunikation zu tun, die sich wiederum hauptsächlich in Sprache, gelegentlich auch im persönlichen Auftritt niederschlägt. Im Laufe meines Berufslebens habe ich zu meinem eigenen Sprachstil gefunden: Ich strebe eine wertschätzende Kommunikation an. Dies beinhaltet beispielsweise, dass ich keine verletzende Sprache in Schriftsätzen verwenden möchte. Natürlich soll dieser Sprachstil auch im Gespräch gelten. Im Gegensatz zu manchen Kollegen versuche ich, Kraftausdrücke, Beleidigungen, Provokationen, Absolutheitsansprüche etc. zu vermeiden. Denn unter jedem Schriftsatz steht mein Name und ich werde damit in Verbindung gebracht. Dieser Teil meiner Authentizität ist mir wichtig.

Was den persönlichen Außenauftritt anbelangt, so dürfen meine Mandanten und deren Gegner von mir erwarten, dass ich in Anzug und Krawatte zu Terminen erscheine und bei Gericht eine Robe trage. Wenn man Authentizität durch die Übereinstimmung von Schein und Sein definiert, bin ich an dieser Stelle also wohl bewusst nicht authentisch. Denn das hat nichts im Geringsten mit meinem persönlichen Kleidungsstil zu tun. Es ist in meinen Augen ein Teil des beruflichen Rahmens, in dem ich mich als Rechtsanwalt bewege. Natürlich darf man inzwischen auch in Jeans und T-Shirt bei Gericht verhandeln. Aber so, wie der Handwerker seinen Blaumann und die Ärztin einen weißen Kittel trägt, gehört für mich der Anzug dazu. Er erfüllt die mutmaßlichen Erwartungen meiner Mandantschaft. Und er grenzt den beruflichen vom privaten Anlass ab.

Authentizität des Rechtsanwalts ist noch viel mehr!

Soweit meine persönlichen Standpunkte zum Thema „Authentizität und Erwartungen in der Dienstleistung – ein Balanceakt?“. Unbeantwortet sind viele weitere Aspekte wie „Wie authentisch verhalte ich mich, wenn mir ein Fehler passiert“ oder „würde ich auch Mandate der Rüstungsindustrie annehmen“ oder „würde ich ein Gutachten schreiben, dessen Ergebnis vom gut zahlenden Mandanten vorgegeben wird“. Vielleicht beteiligen sich ja weitere Kolleginnen und Kollegen an der Blogparade zu diesen Themen.

Was denken Sie? Sollte bzw. muss ein Rechtsanwalt authentisch sein? Wäre es nicht wichtiger, dass er nur die Wünsche und Anforderungen des Mandanten erfüllt? Sollte der zahlende Auftraggeber den Stil bestimmen dürfen? Ich bin gespannt auf Ihre Kommentare!

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